3. gewahr-bewusst


Da gibt es also die Dinge bzw. die fehlenden Dinge und es gibt das Gewahrsein, in dem sie erscheinen. Nun muss jedoch festgestellt werden, dass mir beileibe nicht alle Dinge erscheinen, obwohl ihre Existenz nachgewiesen werden kann. Wenn ich das Radio anmache, kann ich allemöglichen Sender hören. Mache ich es aus, ist nichts mehr zu hören. Wenn das Radio aus ist, ist mir nicht bewusst, dass der Raum voller Radiowellen ist, obwohl sie doch nachweislich vorhanden sind. Nur mit technischen Hilfsmitteln kann ich sie mir bewusst machen.


Wenn ich nachts im Tiefschlaf bin, ist mir nichts mehr bewusst. Dennoch ist das Gewahrsein. Nehmen wir an, ich habe eine volle Blase. Nach einiger Zeit werde ich vielleicht träumen, dass ich in einem unbekannten Gebäude auf der Suche nach einem WC bin. Und dann werde ich vielleicht aufwachen und feststellen, dass meine Blase voll ist. Im Traum drängte es ins Bewusstsein, nach dem Aufwachen war es wirklich bewusst. Was ich damit sagen will, ist, dass Gewahrsein und Bewusstsein nicht dasselbe sind.

Gewahrsein existiert unabhängig davon, ob mir etwas bewusst ist oder nicht. Bewusstsein ist ein Zustand, der kommt und geht, während Gewahrsein nicht kommt und geht, sondern permanent ist. Bewusstsein erscheint im Gewahrsein, das schon immer jenseits von Bewusstein ist.

Ja, wie ist das nun mit dem Bewusstsein? Überall liest und hört man von Bewusstseinsschulung, Bewusstseinstraining, Bewusstseinserweiterung: Bewusstsein kommt, Bewusstsein geht – lässt sich das trainieren, lässt sich da irgendetwas machen, lassen sich die Phasen des Bewusstseins ausdehnen, lässt sich die Qualität des Bewusstseins vertiefen? Die Antwort ist ganz klar: Ja, es scheint so zu sein. Klavierspielen lässt sich trainieren, Fußballspielen lässt sich trainieren, das Gedächtnis lässt sich trainieren, warum sollte sich ausgerechnet das Bewusstsein nicht trainieren lassen? Und jeder, der dieses Training absolviert, wird den Lohn seiner Bemühungen ernten.

Was dabei jedoch nicht vergessen werden darf, ist, dass da niemand ist, der trainiert. Trainieren erscheint oder erscheint nicht, so wie Bewusstsein erscheint oder nicht erscheint. Und was das Gewahrsein betrifft, es bleibt von all dem unberührt. Nichts ändert sich daran, dass es Gewahrsein gibt und die Inhalte des Gewahrseins und kein Ziel und keine Anstrengung können daran etwas ändern.

Nisargadatta Maharaj bringt es total auf den Punkt, wenn er sagt:

Im Bewusstsein gibt es das „Ich“, welches be­wusst ist, während das Gewahrsein ungeteilt ist – Das „Ich bin “ ist ein Gedanke, Gewahrsein hingegen ist kein Gedanke. Im Gewahrsein gibt es kein „Ich bin mir gewahr“. Bewusstsein ist ein Attribut, Gewahrsein nicht. Man kann sich gewahr sein, bewusst zu sein, doch man kann sich nicht des Gewahrseins bewusst sein. Gewahrsein ist jenseits von allem – zu sein und auch nicht zu sein.

Und weiter:

Gewahrsein ist der Anfang von allem, es ist der Urzustand, ohne Anfang, ohne Ende, unverursacht, unabhängig, nicht teilbar, unveränderlich. Bewusstsein bedingt Kontakt, Reflexion, es ist ein Zustand von Dualität. Es kann kein Bewusstsein ohne Gewahrsein geben, doch es kann Gewahr­sein ohne Bewusstsein geben, so wie im tiefen Schlaf. Gewahrsein ist absolut, Bewusstsein steht in Relation zu seinem Inhalt. Bewusstsein bedingt immer irgend etwas, Bewusstsein ist partiell und wechselhaft, Gewahrsein ist total, unveränderbar, entspannt und ruhig. Und es ist der gemeinsame Nährboden aller Erfahrungen“. Geburt bedeutet, den Zustand „Ich bin“ zu erfahren. Mit der Entstehung dieses Bewusstseins erscheint die Welt zusammen mit den individuellen Körpern und ihren Freuden und Leiden. Bewusstsein kann nur das beobachten, was sich verändert. „Das“ was ewig ist, kann nicht vom Bewusstsein beobachtet oder erfasst werden.  Die Handlungen eines ganzen Lebens basieren auf dem Konzept „Ich bin“. Nach dem Empfinden „Ich bin“ folgt die Idee „Ich bin dies“ oder „Ich bin das“. Solange es eine Person gibt, gibt es auch Bewusstsein. „Ich bin“, Verstand, Bewusstsein bezeichnen denselben Zustand. Wenn Sie sagen, ‚Ich bin gewahr‘, dann heißt das nur, ich bin mir bewusst, über Gewahrsein nachzudenken. Es gibt kein „Ich bin“ im Gewahrsein.


Aus dem Dzogchen kennen wir die sechs Vajra-Verse:

Die vielfältigen Erscheinungen sind ihrer Natur nach nicht dual,

Dennoch ist jede einzelne in ihrem Zustand,
jenseits der begrifflichen Erklärung.

Der Zustand „so wie es ist“ kann mit Worten nicht erfasst werden,

Dennoch, was immer erscheint, alles ist gut.

Da alles bereits vollendet ist,
lassen wir die Krankheit der Anstrengung hinter uns

Und finden uns spontan im vollkommenen Zustand: Das ist Meditation.


Weiter auf Seite 4. Paradoxon

 

Advertisements

3 Antworten zu 3. gewahr-bewusst

  1. Johng770 schreibt:

    My spouse and I stumbled over here by a different internet address and thought I might check items out. I like what I see so i am just following you. Appear forward to checking out your web page again. cedkfgbdgfad

  2. Uwe schreibt:

    In welchem Buch war nocheinaml das Zitat?

    „Bewusstsein ist ein Attribut, Gewahrsein nicht. Man kann sich gewahr sein, bewusst zu sein, doch man kann sich nicht des Gewahrseins bewusst sein.“

    Ein danke schon im Vorraus

    uwe

  3. Nitya schreibt:

    Ich habe mir das vor vielen Jahren mal notiert und hatte nicht vor, das mal in einen Blog zu stellen. Es tut mit leid, ich weiß es nicht mehr und kann die Frage nicht beantworten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s