6. kein Ding

Wenn wir plötzlich erwachen, ist das ganze Universum leer.
Keine Sünde, kein Verlust und kein Gewinn:
Suche solche Dinge nicht inmitten des vollkommenen Friedens.
Solange wir Tao suchen und verdienstvolle Werke vollbringen,
werden wir Erleuchtung nie erlangen.
Ich suche weder Wahrheit, noch weise ich Täuschungen ab.
Der Geist, in den Gegensätzen gefangen,
bringt nur geschickte Lügen hervor.

Ein Mond spiegelt sich in allen Wassern.
Alle Wasser-Monde haben den einen Mond.

Die Hungrigen kommen vor eine königliche Tafel –
aber sie können nicht essen!

Wenn du klar und deutlich siehst,
gibt es nicht ein Ding.

Schmälere den unermesslichen Himmel nicht,
indem du ihn durch ein Schilfrohr betrachtest.
Gehen ist Es,
Sitzen ist Es,
Sprechen oder Schweigen,
Bewegung oder Ruhe –
die wahre Natur ist immer Frieden,
selbst das Schwert des Todes vor Augen.

(Hui Neng)


Was meint Hui Neng damit, wenn er sagt, das ganze Universum sei leer? Es sagt es in den nächsten Sätzen: Das Universum ist leer von unseren Vorstellungen von Sünde, Verlust und Gewinn, leer von unseren Vorstellungen von Wahrheit und Täuschung. Es ist auch leer von der Suche nach dem Tao oder der Idee, durch verdienstvolle Werke Erleuchtung zu erlangen. Es ist leer von allen Vorstellungen. Das kennzeichnet für Hui Neng den Zustand des Erwachtseins.

„Alle Wasser-Monde haben den einen Mond.“ Es ist wie ein Anspielung auf die vielen Religionen und Konfessionen und Glaubensgemeinschaften, die alle glauben, sie hätten in ihrem Wasserfass den wahren Mond eingefangen wie die Dotternhausener Mondstupfer: „.… Doch sie gaben nicht auf und als man die helle Scheibe des Mondes in einem Wasserfass sah, war die Freude groß, denn nun konnten sie den Mond doch noch fangen. Schnell machten sie den Deckel zu und rollten den gefangenen Mond im Fasse zu Tal.“ – Es gibt nur den einen Mond und der ist nicht zu fangen, er entzieht sich jedem Zugriff und ist nur in seinen Spiegelungen zu erkennen.

Wer das Eine in seinen Spiegelungen nicht zu erkennen vermag, ist wie ein Hungriger an einer königlichen Tafel: Es ist alles da, was das Herz begehrt, aber er kann nicht essen. Er ist wie jener von Hunger und Durst gequälte Tantalos, den die Griechen so schön beschrieben haben.

Jetzt kommt ein schwieriger Satz: “Wenn du klar und deutlich siehst, gibt es nicht ein Ding.” Unter einem Ding verstehen wir ein Etwas, das unabhängig von uns existiert. Aber wie wissen wir von der Existenz eines Dings? Wir nehmen es mit unseren Sinnesorganen wahr. Ohne uns als Wahrnehmende wissen wir von keinem Ding, wissen wir gar nichts. Das gilt für Otto Normalverbraucher ebenso wie für einen Nobelpreisträger für Physik. Wir wissen also von den Dingen, weil sie uns erscheinen oder anders gesagt: Alle Dinge sind für uns Erscheinungen. Ein Ding an sich gibt es demzufolge gar nicht.

Mit den letzten beiden Sätzen knüpft Hui Neng wieder an das Gleichnis mit dem Mond an: Gehen ist Es, Sitzen ist Es, Sprechen oder Schweigen, Bewegung oder Ruhe … es gibt nur Es, es gibt nur den einen Mond. „Die wahre Natur ist immer Frieden.“, sagt er. Sie ist es bereits. Es bedarf keiner Anstrengung, um diesen Frieden zu erschaffen. Es bedarf keiner Anstrengung, um unsere wahre Natur zu erschaffen. Es bedarf keiner Anstrengung, um Erleuchtung zu schaffen, denn Erleuchtung ist nichts anderes, als unsere wahre Natur – ebenso wie alle Erscheinungen. Dies scheint mir keine Erlaubnis zum Faulenzen zu sein, sondern eher ein Schlag mit dem Zen-Stock: Hör auf zu suchen und zu streben und sieh! Sieh: Der Sucher ist schon immer das Gesuchte!

Da ist Frieden selbst im Angesicht des Todes. Wo sonst?

Weiter auf Seite 7. sosein

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