5. Resümee


Und was soll das jetzt alles? Hat das alles irgendeine Bedeutung für mein Leben? Für mein Leben als (scheinbare) Person, für mein Leben als (scheinbarer) Therapeut? Das erste, was mir dazu einfällt, ist, dass es keine Verantwortung gibt. Wo keine eigenständige Person zu finden ist, da kann es auch keine Verantwortung geben. Und das bedeutet, dass eine der schlimmsten Geißeln der Menschen sich als Illusion herausstellt: Wo keine Verantwortung, da keine Schuld. Ich bin für meine Entscheidungen und Handlungen so wenig verantwortlich zu machen wie für das augenblickliche Wetter oder für die Geräusche, die mein Bauch gerade produziert. Alles geschieht einfach und niemand trägt daran irgendeine Schuld.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Handlungen keine scheinbaren Folgen hätten. Der sog. Mörder wird mit einiger Wahrscheinlichkeit aufgespürt, vor Gericht gestellt und verurteilt werden. Nur – er wird vielleicht verurteilt werden, aber er trägt keine Schuld. Vielleicht wird auch jemand verurteilt, der fälschlicherweise für den Mörder gehalten wird. Vielleicht wird der wahre Mörder auch nicht gefasst und nicht vor Gericht gestellt. Wie auch immer die scheinbaren Folgen sein werden, es hat zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Schuld gegeben, weil es zu keinem Zeitpunkt eine Person gegeben hat, die frei hätte wählen können. Wir alle haben immer nur theoretisch eine Wahl, in Wahrheit geschehen die Dinge, wie sie geschehen. Wer dies zutiefst weiß, wird das Leben geschehen lassen können, wie es eben geschehen will. Er glaubt nicht mehr außerhalb des Lebens zu stehen und versucht nicht mehr das Leben zu kontrollieren.

 

Meinst du etwa, du könntest das Universum ergreifen und es verbessern? Ich glaube nicht, dass du das kannst. Das Universum ist vollkommen, es kann nicht verbessert werden. Es zu verbessern, heißt es zu zerstören. Es zu ergreifen, heißt es zu verlieren. (Laotse)

Wer Mühe hat mit dieser Aussage von Laotse, dem sei vielleicht der Satz des deutschen Philosophen Hans Vaihinger empfohlen:

„Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist.“

Das erinnert sehr an die Umkehrung des alten Esso-Slogans: „Es gibt nichts zu tun – packen wir’s an!“ Das ist natürlich völlig paradox, wer sollte denn handeln, als ob … wenn da doch gar niemand ist, der handeln könnte, und was gäbe es anzupacken, wenn es doch nichts zu tun gibt? Vaihinger sagt: Handle trotzdem – aber vergiss nicht, dass „dein Handeln“ nicht dein Handeln ist, sondern einfach das, was gerade geschieht! Wie das dann beispielsweise für einen Therapeuten aussehen kann, hat Osho hier sehr schön beschrieben:

„Es ist unmöglich, sich zu verirren, denn wo immer du hingehst,  ist das Göttliche da; und egal was du tust, du wirst im Göttlichen ankommen. Alles Tun verwandelt sich ganz natürlich ins Höchste – ob es gut ist oder schlecht, alles. Ob Sünder oder Heiliger, alle erreichen das Göttliche. …

Sobald du aufhörst, dich selbst zu verbessern … sobald du dich so akzeptierst, wie du bist, ohne Bedingungen, ohne Groll, ohne Klage, sobald du anfängst, dich selbst so zu lieben, wie du bist, lässt du die Finger davon, dich einzumischen.

Kann man … akzeptieren, was jetzt ist – und trotzdem Therapeut von Beruf sein? Das kann man sehr wohl, aber Therapeut in einem völlig anderen Sinn – nicht im Freudschen Sinn, sondern im wirklichen Sinn. Und was ist ein Therapeut „im wirklichen Sinn“? Er wird völlige Freiheit gewähren; er wird nur eine Präsenz, ein Licht, ein Freund sein. Ohne den Patienten ändern zu wollen – obwohl der Patient sich ändern wird. Er wird sich nicht bemühen, den Patienten gesund zu machen. Er wird sich nicht bemühen, ihn normal zu machen. Er wird sich nicht versteigen, ihm zu helfen, sich wieder dieser neurotischen Gesellschaft anzupassen. Er wird überhaupt nichts wollen. Er wird einfach nur als Katalysator präsent sein. Er wird den Patienten lieben. Er wird ihn an seiner Energie teilhaben lassen, er wird seine Energie über ihn ausschütten. Und denkt dran: Die wahre Therapie heißt Liebe; alles andere ist Nebensache. …“

Als er Erleuchtung erlangte,
soll Sakyamuni Buddha gesagt haben:

Wie wunderbar! Wie wunderbar!
Alles, so wie es ist,
ist der erleuchtete Weg!

Weiter auf Seite 6. kein Ding


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